Vergebung

Das Bereinigen von gestörten Beziehungen in Form von Vergeben – verzeihen und versöhnen ist mir das Leichteste aber auch gleichzeitig das Schwierigste im Leben.

Doch was genau ist eigentlich Schuld?

Wer urteilt über unsere Schuld oder Unschuld?

Gibt es wirklich den einen Schuldigen oder den einen Unschuldigen?

Jeder Mensch lebt in „Beziehungen“ hiermit ist nicht immer die intime Bindung zum Partner gemeint. Die Familie stellt ebenso eine Beziehung dar, wie die zu Arbeitskollegen, dem Nachbar, zu unserem Hobby, unseren Haustieren oder zur Religion etc.

Das Bereinigen von gestörten Bindungen setzt allerdings zwingend die Erkenntnis/Einsicht voraus, dass wir uns selbst schuldhaft verhalten haben oder einen anderem schuldhaftes Verhalten vorwerfen.

Wenn wir verletzt werden, ganz egal auf welcher Ebene, sind wird nicht in der Lage klar, sachlich und fundamentiert zu handeln. Vom sich rächen wollen über Ignoranz bis hin zu depressiven Gedanken ist auf unserer „Emotionspallette“ alles dabei.

Wäre es nicht schön, wenn wir unser Kopfkino erst gar nicht zünden müssten, weil wir bereits eine Möglichkeit gefunden haben, sachlich und Aufgrund von Fakten unser weiteres Handeln zu bestimmen?

Wenn wir nüchtern auf unsere „Schablone“ schauen könnten um herauszufinden ob das, was man uns oder wir anderen vorwerfen, nicht vielleicht doch richtig ist – oder – falsch?

Ein klares JA!

Ich bin fest davon überzeugt, denn ich weiß unter anderem aus eigener Erfahrung wie die Gefühle Achterbahn fahren wenn man seelische Verletzungen erleidet. Ganz besonders drastische, ja fast schon apokalyptische Rachegedanken kommen auf, wenn uns seelische Verletzungen von einem geliebten Menschen zugefügt werden.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis wir dieser Person vergeben können, wenn überhaupt jemals zu 100% und nur unter der Voraussetzung, dass diese Person bis zum Zeitpunkt der Vergebung nicht gleich den nächsten messerscharfen Pfeil auf unsere Seele in den Bogen einspannt.

Jeder kennt den folgenden Satz, aber kaum jemand hat die Bedeutung wirklich verstanden!

„Vergeben kann ich dir – aber – vergessen nie“

Genau hier, liegt die Wurzel allen Übels, denn diese Satz besagt, dass die Schuld um die es hier geht, gedanklich niemals vergeben, also auch nicht getilgt werden kann. Vergebung funktioniert nicht nach dem Prinzip der Unterdrückung um den Fortbestand einer Beziehung zu sichern oder die Schuldgefühle des Schuldigen für die eigenen Zwecke zu nutzen. Vergebung muss ebenso wie Schuld diagnostiziert werden um dann die Richtige „Arznei“ verabreichen zu können.

Wie genau das geht und wie wir Menschen wirklich ticken, wenn es um die Feststellung oder Verarbeitung geht, werden Sie im Folgenden lesen.

In der Psychologie gibt es zwei Grundformen von Schuld und drei Unterteilungen von Schuld & Vergebung.

Die beiden Grundformen sind die, die beglichen werden und die, die vergeben werden können. Unterteilt wir hier zwischen materielle Schuld, soziale Schuld oder existenzieller Schuld.

Beispiel 1: Schuld die beglichen werden kann
· Peter leiht sich von Harald 150,00€. Sobald Peter das Geld zurückgezahlt hat, ist seine Schuld somit beglichen.
Beglichen heißt hier: Die Schuld kann durch das Gleiche, was sie verursacht, getilgt werden.

Beispiel 2: Schuld, die vergeben bzw. verziehen werden kann
· Bevor Peter das Geld zurückgab, hat er mehrfach Zusagen nicht eingehalten. Diese Schuld kann nur verziehen werden.
· Aus Eifersucht hat Peter ein Foto zerrissen, das Harald mit Marlene zeigt und das ihm am Herzen lag. Diese Schuld kann er nicht mehr begleichen. Auch sie könnte ihm nur verziehen werden.

Nicht mehr begleichen heißt hier: Die Schuld kann nicht durch das Gleiche, das sie verursacht hat, beglichen werden. Peters Schuld wäre nicht dadurch getilgt, dass Harald seinerseits ein Foto zerreißt. Würde Harald das Bild zerreißen, das Peter mit Silke am Strand zeigt, wäre Peters Schuld durch Haralds Rache nicht getilgt. Beide wären lediglich quitt und müssten sich im nächsten Schritt wechselseitig ihre Schuld verzeihen…!

Die Unterteilung lautet wie folgt:
Materielle Schuld wird durch Rückgabe des geschuldeten Gegenstands getilgt. Alternativ kann die Schuld durch Schenkung erlassen werden.

Die Tilgung sozialer Schuld erfordert die Anerkennung der Schuld und die ausdrückliche Bestätigung des Eigenwerts des Geschädigten.

Die Tilgung existenzieller Schuld erfordert die Bereitschaft zu einer Wiedergutmachung, die die Lebensführung des Schuldigen verändert.

Das sind stocktrockene und sehr nüchterne Fakten die aber durchaus einen großen Nutzen für jede Partei haben, wenn man diese denn auch anwendet.

Es wird also nicht unterteilt von nicht so schlimm oder ganz schlimm, denn vergeben werden kann erst einmal ALLES, es ist nur ein Frage des Einsatzes – also der Ernsthaftigkeit der Wiedergutmachung durch den Verursacher oder die Entscheidung des Geschädigten nicht weiter unter dem zugefügten Schmerz zu leiden.

Jetzt werden einige aufschreien: „..WAS…man kann nicht alles vergeben…“

DOCH, man kann und man sollte!

Beispiel Religion: Ein furchtbares Unglück geschieht, gottesfürchtige Menschen fragen nach dem Sinn und selbst die, die im Glauben fest verankert sind, fragen sich warum ein Gott, so es ihn/sie denn gibt, dies zulassen konnte. Man geht also davon aus, dass Gott uns erschaffen hat und somit auch für unser Heil verantwortlich ist und somit Richter, Henker und Fürsorger in einer Person ist.

Was wäre wenn man die Sichtweise ändert? Wenn wir z.B einfach nur sagen Gott ist Gut und nicht Gott richtet über alles?
Was wäre wenn ich Ihnen sagen würde, Gott liebt alle seine Kinder?! So ist es - Gott liebt ALLE seine Kinder…A L L E!

Wer sind wir, das wir richten, zumal ein jeder ein Richter ist. Also urteilt auch ein Jeder aus seiner Sicht, Chaos pur!

Nun wende ich mal an die Mütter unter ihnen. Sie haben zwei Kinder, jedes Kind hat gute und weniger gute Eigenschaften, doch Sie lieben ALLE ihre Kinder, selbst wenn eines von ihnen undenkbares tut. Nun komme ich daher und fordere Sie auf zu urteilen – um zu bestimmen wen Sie mehr oder weniger bis gar nicht lieben dürfen, denn genau das tun wird doch tagtäglich. Wir hadern mit Gott, klagen an warum auch die Menschen geliebt werden, die Schaden verursachen usw. Jetzt sind Sie dran, Sie wollen urteilen und Richter sein? Nun gut, richten Sie – jetzt!

JA – es ist schwer zu verstehen und noch schwerer zu akzeptieren, aber es ist die Wahrheit. Sie sollten nicht richten, sie sollten nicht urteilen sie sollten nur GUT sein. Gut sein bedeutet unter anderem, Einsatz, Willensstärke, Vergebung, klare Selbstsicht und vorurteilsfrei anderen zu begegnen.

NEIN - Sie sind nicht in der Uni, Sie sind mitten im Leben und genau dieses „mitten im Leben „ sein sorgt dafür, dass wir allzu oft nur mit dem Herzen sehen, nicht mit dem Verstand oder im schlimmsten Fall von Wut und Hass regiert werden.

Mitten im Leben bedeutet, dass wir manchmal schlichtweg einfach keine Zeit für nüchterne Analysen haben und die einen oder anderen Kränkungen durchwinken, denn es gibt ja so viel Wichtigeres. Erst recht wenn man nach dem Motto „…sei kein Weichei…“ oder „…nimm dich nicht so wichtig…“ erzogen wurde. Mitten im Leben bedeutet auch, dass ein Urteil zu fällen zu vollstrecken um ein vielfaches leichter ist, als eine klare Selbstsicht.
Niemand der Schmerz intensiv fühlt ist ein „Weichei“ und ausnahmslos jeder Mensch sollte sich selbst so wichtig sein um eben nicht durchzuwinken, denn so entsteht ein wunderbarer Nährboden für jede Art von Blockaden auf allen Ebenen. Ich muss hier nicht extra ausführen was Blockaden sind und wohin sie führen.

Nur so viel, Blockaden töten!

Sie töten unter anderem den rationalen Verstand, das Selbstvertrauen, den Wunsch nach Geselligkeit, eine vorurteilsfreie Beziehung, unsere Fantasie, das Sexualleben usw… und sorgen zudem noch dafür, dass wir weder im Leben noch in der Liebe vorankommen und das so lange, bis wir davon tief überzeugt sind, das wir das „auf der Stelle treten“ verdient haben.
Wenn wir also die „Schablone“ anlegen um herauszufinden ob die Schuld die wir tragen oder das Leid das uns zugefügt wurde, Vergebung - Ausgleich oder Wiedergutmachung erfordert, haben wir den ersten Schritt in Richtung Erkenntnis getan. Ganz ohne wochenlanges hinterfragen, Tränen der Verzweiflung, Rachegedanken, Urteilssprüchen und großes Kopfkino.
Der Schmerz bleibt – richtig - der Unterschied ist, dass wir ersten mehr Zeit haben um den Schmerz zu verarbeiten und zweitens haben wir einen nüchternen Blick auf die Motive des Verursachers oder uns selbst. Somit beginnen wir von der Analyse weg, gleich mit der Verarbeitung und können diese komplett abschließen. Es bleibt also kein Rest in der hintersten Ecke unseres Herzens übrig, der mit der Zeit zu einer ausgewachsenen Blockade reifen kann!

Wir sind die Summe dessen was uns widerfährt. Das wissen und fühlen wir auch ganz ohne mentale Stichliste für Schuld und Schmerz. Wenn Sie sich also entscheiden zu vergeben, dann tun Sie das mit Herz und Verstand ohne ein Urteil zu fällen!
Vergebung kann als Akt verstanden werden oder als innerlicher Prozess. Als Akt wird sie vollzogen – als Prozess wir sie durchlebt.


Nur wenn der Prozess ohne Abkürzung durchlaufen wird, ist der Akt an seinem Ende gültig!


Vergebung sollte niemals als Zweck herhalten sondern als Stufe betrachtet werden, die Sie einen Schritt weiterbringt!

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